Bibelwort


Liebe Gemeindeglieder,
liebe Freunde,

in Wolfsburg sollen Arbeiter von VW einmal – so hat man mir erzählt, als ich dort Pfarrer war – zum Erntedank einen PKW in die Kirche an den Altar gerollt haben.

Recht hatten sie und so freue ich mich immer, wenn neben Kürbis und Kartoffeln auch Dinge wie ein Kontoauszug oder ein Nutellaglas den Erntedank-Altar schmücken.

Zum täglichen Brot gehört doch alles, was not tut für Leib und Leben, wie „Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen“. Wie dankbar können wir sein, dass wir so leben dürfen, dass wir vieles von dem, was Martin Luther in diese Liste geschrieben hat, haben und erleben dürfen. „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn. Drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn“ singen wir darum am Erntedankfest.

Mit ist in diesen Tagen eine Neudichtung des Liedes „Wir pfl ügen und wir streuen“ begegnet, aus dem diese Zeilen stammen. In dieser Neufassung heißt es: „Was schert uns Tau und Regen – wir haben optimiert der Erde reichen Segen egal, ob’s stürmt, ob’s friert. So kaufen wir in Mengen um’s Eck im Supermarkt, lassen uns nicht bedrängen, dass Armut so erstarkt.“

Es ist ja sicher richtig, dass es auch am Erntedankfest sinnvoll sein kann, dass ich darüber nachdenke, ob ich alles, was ich habe, wirklich brauche, und auf welche Weise ich dazu beitragen kann, dass es für gute Arbeit auch guten Lohn gibt – und das weltweit.

Aber trotzdem mag ich dieses neue Lied nicht im Gottesdienst singen. Denn, wenn da nicht von den großen Taten Gottes und seinen Geschenken für uns geredet und gesungen würde, sondern wieder nur von dem was wir tun und lassen sollen, dann würde mir das Herz schwer und die „fröhliche Freiheit der Kinder Gottes“ ginge mir ganz verloren. Gott Lob aber sagt mir Gott auch am Erntedankfest: „Dir sind deine Sünden vergeben“ und macht damit frei zur Freude und Dankbarkeit für seine guten Gaben für Leib und Seele.

Diese Freude und Dankbarkeit wünsche ich Ihnen auch – auch ohne Auto in der Kirche,


Ihr Superintendent

Bernd Reitmayer